Ohne Arbeit verlieren Menschen ihren Selbstwert!
Was an diesem Gegenargument problematisch ist:
Dieses Argument setzt Arbeit mit Selbstwert gleich – und reduziert damit den Wert eines Menschen auf seine Rolle im Erwerbssystem. Es unterstellt, dass Selbstachtung nur durch bezahlte Arbeit entstehen kann – und dass Menschen ohne Erwerbsarbeit zwangsläufig an Wert verlieren.1Was leider viele Menschen unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen tatsächlich auch von sich selbst glauben. Dabei wird übersehen, dass Selbstwert ein zutiefst menschliches, inneres Empfinden ist – und nicht an Lohnabrechnungen gebunden sein kann.
Was gegen dieses Gegenargument spricht:
Schon heute erleben viele Menschen, dass Erwerbsarbeit keineswegs automatisch zu Selbstwert führt:
- Menschen in schlecht bezahlten oder entwürdigenden Jobs verlieren oft eher an Selbstachtung als dass sie sie gewinnen
- Burnout, Depressionen und innere Erschöpfung entstehen nicht selten gerade im Arbeitsleben
- Gleichzeitig erfahren Menschen Sinn, Anerkennung und Selbstwirksamkeit in Bereichen, die gar nicht oder schlecht bezahlt werden – etwa in der Pflege von Angehörigen, im Ehrenamt oder in kreativen Tätigkeiten
Selbstwert entsteht also nicht durch Zwang zur Arbeit – sondern durch Sinn, Anerkennung und echte Wirksamkeit.
Hieraus ergibt sich eine entscheidende Frage:
Sollte der Selbstwert eines Menschen wirklich davon abhängen, ob er sich auf dem Arbeitsmarkt verwerten lässt?
Übrigens – schon gewusst?
In vielen traditionellen Gemeinschaften – lange bevor es moderne Arbeitsmärkte gab – war der Wert eines Menschen nie allein an „Arbeit“ im heutigen Sinne gebunden. Menschen hatten ihren Platz durch Zugehörigkeit, Erfahrung, Fürsorge oder Wissen.
Die Idee, dass Selbstwert primär durch Erwerbsarbeit entsteht, ist historisch gesehen eher die Ausnahme als die Regel.
Die Konditionierung, den eigenen Wert über Erwerbsarbeit zu definieren, beginnt oft schon sehr früh – manchmal ganz beiläufig, mit einer scheinbar harmlosen Frage:
„Was möchtest Du denn mal werden, wenn Du groß bist, mein liebes Kind?“2Eine mögliche Antwort wäre dann vielleicht:
„Im Gegensatz zu allen vorherigen Generationen: psychisch gesund bleiben, liebe Oma.“
- 1Was leider viele Menschen unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen tatsächlich auch von sich selbst glauben.
- 2Eine mögliche Antwort wäre dann vielleicht:
„Im Gegensatz zu allen vorherigen Generationen: psychisch gesund bleiben, liebe Oma.“
